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Wir dokumentieren ein Flugblatt aus Kassel:

Freunde die keiner haben will

oder Wenn der »Verfassungsschutz« einmal klingelt.....

Am Donnerstag, den 20.03.97 um 16.00 Uhr bekam ich, eine Person aus der linken Szene Kassels, Besuch von 2 Mitarbeitern (Spitzeln) des Hessischen Verfassungsschutzes aus Wiesbaden. Sie stellten sich als "Dirk Regenmann" und "Peter ?" vor und sagten gleich, daß sie vom Verfassungsschutz wären und ob ich mir vorstellen könnte, mich mal mit ihnen zu unterhalten.

Hierzu sei angemerkt, daß ich mir schon einmal vorgestellt habe, in so einer Situation zu sein und mir dann ausgemalt habe, wie ich dann reagieren würde, falls mal so Leute bei mir auftauchen - Ich ließ sie vor der Tür stehen, zog mir schnell ‘ne Jacke über, steckte meinen Fotoapparat ein und ließ mich, mit dem Hintergrund nähere Infos über die Tätigkeit des VS und seine Spitzel zu erhalten, auf einen 45- minütigen Spaziergang mit den beeiden ein. Zunächst fragte ich sie, was sie denn überhaupt von mir wollten.

Sie sagten, daß ich doch auch schon gehört hätte, daß es auch in den linken Szenen Gewaltbereitschaft gäbe. Leute die Oberleitungen herunterholen würden und so...., was ich ja wissen müsse, weil ich mich ja auch in der Castorsache engagiert habe, und daß sie in Bezug auf solche Gewalttäter Informationen über die Strukturen und Gruppenzusammenhänge in Kassel bräuchten. Es ginge ja nicht an, daß unschuldige Leute in Mitleidenschaft gezogen werden, die mit der Sache gar nichts zu tun haben. Dazu sagte ich, daß ich auch Gewalt ablehnen würde, und daß andere Formen der Energiebeschaffung dringend notwendig sind, Sonne, Wind, Wasser....

Dann drängte der andere wieder aufs Thema, ob ich mir vorstellen könnte mit ihnen zu kooperieren. Ich fragte, worin meine Tätigkeit bestehen sollte. Sie meinten, ich solle ganz "normal" weiterleben, Kontakte zur Szene intensivieren, die Infos zusammentragen und dann an die Kontaktleute in Wiesbaden weiterleiten. Es gäbe natürlich auch Gegenleistungen von ihnen, und ich würde mich ja schon ein wenig in der Szene auskennen, denn sie wüßten, daß ich auch Kontakte zum Meisenhof gehabt hätte. Ich: "Häh? Meisenhof?" Sie: "Ja, oder so ähnlich, Meisinghof....." Ich: "Ach, den Messinghof meint ihr." Sie: "Ja genau, die Hausbesetzung dort, ob ich wüßte, ob es dort auch Gewaltbereite gegeben hätte." Ich: "Also, ich hab auf dem Messinghof einmal eine Freundin besucht, die garantiert nicht gewaltbereit sei und außerdem sollte da ein Sozikulturelles Zentrum entstehen, mit Projektraum, Stadtteilkantiene, Medienwerkstatt, böser Matuszek usw.

Dann erkundigte ich mich nach den Gegenleistungen. Sie meinten, daß ich sie in verschiedenster Form erhalten könnte, doch in meinem Falle würde wohl die finanzielle Form der Gegenleistung am angebrachtesten sein. Ich hab mir dann die anderen Formen der Gegenleistung selber ausgemalt, wie die herausnahme von Verfahren, Strafmilderungen, Bahncard, Auto oder ähnliches.

Was verdient ihr denn so? fragte ich und die beiden drucksten herum........ "Naja, das ist schon ganz o.k., was wir verdienen." Sie wären im höheren Dienst Sachbearbeiter in Wiesbaden, aber ganz genau könnten sie mir das natürlich nicht sagen. Aber um meine Bezahlung bräuchte ich mir keine Gedanken machen, das wäre schon angemessen. Ich fragte, wonach sich der Verdienst denn richten würde? Sie: "Das kommt darauf an, wieviel Infos und in welcher Art du uns lieferst und für welche Aufträge du in Frage kommst. Alle Unkosten, Spesen, z.B. Telefonkosten oder Fahrtkosten z.B. für ein Wochenende nach Hamburg werden bezahlt." Ach so, sagte ich, was ist denn, wenn ich mich verliebe oder die Leute mitkriegen, daß ich Infos weiterleite? Sie (lachend): "Ja, vor der Liebe ist natürlich niemand gefeit, da muß man eben sehen, wie wir mit der Situation umgehen", das sollte nicht mein Problem sein, und falls irgendwas herauskommt, hätte ich einen totalen Schutz. Anonymität und so wird natürlich alles gewährleistet. Da muß man dann auch der Situation entsprechende Schritte einleiten.

Ich fragte: "Gibt es denn auch Kontaktleute in Kassel?" Sie: "Das dürfen wir nicht sagen, weil sie ja eben auch diesen Schutz genießen." Ich: "Ja klar, ihr sollt mir jetzt natürlich auch nicht sagen wer das ist, ist logisch, ne, ob ich mit denen dann auch Kontakt habe?" Sie: "Nein, natürlich nicht. Die Kontaktleute wissen voneinander nichts." Ich hätte nur Kontakt zu den beiden Typen und von uns dreien würde nur ihr Chef (Ferse oder Fährse) wissen." Ich: "Aha okay, und wie ist das mit dem großen Lauschangriff? Ihr hört doch bestimmt ne Menge über Telefon ab und so." Sie: "Neeeiiiiiin, die Polizei hört wohl ne Menge ab, aber sie wären ja auch kein repressives Organ. Im Land werden nur ca. ne Hand voll Leute vom VS abgehört. Aber mehr nicht." Dazu sagte ich nichts.

Wir waren dann auch schon fast am Ende unseres Spaziergangs. Mir fiel irgendwie auch nicht mehr viel ein, weil ich darüber nachdachte, wie ich jetzt am geschicktesten ein Foto von den beiden machen sollte. Ich stand auf der Treppe meines Hauseinganges und einer fragte, ob wir uns denn morgen noch mal wiedertreffen könnten um die Details zu klären und so......

Ich drehte mich schnell um, knippste und sagte: "Nö!" Dem einen fiel die Klappe, der andere sagte wütend aber anerkennend: "Das hast du jetzt aber verdammt gut gemacht" (wie nett von ihm) Ich verschwand im Haus, konnte es mir jedoch nicht nehmen lassen noch mal den Kopf aus der Tür zu stecken und zu sagen: "Das heißt jetzt so viel wie nein, gelle?" Sie: "Das haben wir schon verstanden."

Zwei Tage später kam ein Päckchen von den beiden ins Haus. Ich öffnete es vorsichtshalber im Garten mit Besenstiel und Rechen. Darin war ein Schokoladenosterhase und eine Postkarte mit der Frage, ob ich meinen Spaß gehabt hätte und wenn mein Foto gelungen ist, solle ich ihnen doch bitte einen Abzug schicken. Auf der Kartenvorderseite war ein grinsendes Pferd. Ach ja, da fällt mir ein, daß sie zwischendurch noch mal die Andeutung gemacht haben, daß ihnen die Arbeit ja auch sehr erschwert würde, durch Outing Geschichten und Veröffentlichungen und so, ........

Alles in allem möchte ich am Ende noch mal sagen, daß ich jedem Menschen dringend empfehle sich mal vorzustellen was jedEr machen würde wenn er/sie mal in so eine Situation kommt. Es gibt ja mehrere Möglichkeiten:

  1. Ich haue ihnen sofort die Tür vor der Nase zu.

  2. Ich sage: „Augenblick, ich hab Zeit, wartet mal", lasse sie vor der Tür warten, hole schnell meinen Fotoapparat und versuche ohne viel Gerede ein Foto zu machen.

  3. Ich sag: „Heut geht es nicht, kommt morgen wieder" und bespreche mich erstmal mit Freunden, die dann morgen beim Spaziergang ein Foto machen.

  4. siehe diese Aktion

Für alles gilt natürlich: ANNA UND ARTHUR HALTEN S MAUL !!!!!

JedEr sollte sich selbst einschätzen, was für eineN denkbar ist, ohne sich selbst oder andere zu gefährden. Ich hab Glück gehabt, daß alles so reibungslos lief und am Ende noch dieses Foto gelang. Alle Leute, denen ähnliches passiert ist, sollen sich u n b e d i n g t melden und ihren Vorfall an die Öffentlichkeit bringen. Laßt Euch nicht einschüchtern. Je mehr bekannt wird und je mehr Fotos wir kriegen, desto besser können wir unsere Kreise schützen.

Ein Mensch aus Kassel

Kontaktadresse:
Autonomes Zentrum Kassel
Sickingenstr. 10
Kassel

Das Foto (36kb) der beiden VS-Leute kann per eMail-Anfrage bestellt werden!


und dazu ein Bericht aus der Berliner Tageszeitung »junge welt«:


junge Welt, Sonnabend/Sonntag, 12./13. April 1997, Nr. 85, Seite 4, inland

>> Spitzelrekruteure in Nordhessen

> Neue Offensive gegen linke Gruppen auch in Nordrhein-Westfalen

Ein Herr mit angegrautem Vollbart, halblangem graumelierten Haar und Nickelbrille hat in Nordhessen derzeit viel zu tun. Der Mann, der sich als »Peter Bremer« vorstellt und über einen Hausanschluß beim Wiesbadener Landesamt für Verfassungsschutz verfügt, ist in letzter Zeit mehrfach bei Versuchen in Erscheinung getreten, Informanten aus der linken Szene anzuwerben. Solche Versuche haben sich in dem rot-grün- regierten Bundesland in den vergangenen Monaten gehäuft.

Bevor »Peter Bremer« in Kassel versuchte, VS-Zuträger aus der linken Szene anzuwerben (jW berichtete), war der Agent schon in Marburg aktiv. Eine Frau, die vorübergehend in einer Wohngemeinschaft der linken Szene gewohnt hatte, sollte dort Informationen über ihre ehemaligen MitbewohnerInnen liefern.

»Bremer« fing die Frau vor der Haustür ab und lud sie zum Essen in eine Marburger Gaststätte ein. Seinen Wissensdurst begründete er mit der Notwendigkeit, »das Entstehen einer neuen Rote Armee Fraktion zu verhindern« und mit den Verbindungen der Wohngemeinschaft »zu unterschiedlichen politischen Gruppen«. Falls die Frau nicht in die Wohngemeinschaft zurückkehren wolle, wären auch Informationen über Aktivitäten aus der »Anti-Castor-Bewegung« ausreichend. Die Frau lehnte jegliche Zusammenarbeit ab, und »Peter« verschwand wieder.

Besonders großes Interesse zeigte der VS-Mann außerdem an den Gruppen Roja/Jarama. Dieser lose Zusammenhang von linken AktivistInnen aus Mainz, Marburg und Gütersloh beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit unterschiedlichen Themen, darunter auch der Freilassung der politischen Gefangenen. Schon seit längerem ist Roja/Jarama Gegenstand staatlicher Observation; seit dem Sommer 1996 werden Personen aus dem Gruppenzusammenhang Roja/Jarama auch länderübergreifend in Hessen und Nordrhein-Westfalen observiert.

Hilde Sanft


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